Vidal Wagner

Frankfurts "neue" Alstadt
El "nou" barri antic de Frankfurt

Die „Neue Altstadt“ von Frankfurt bezieht sich auf das historische Zentrum von Frankfurt am Main, das zwischen 2012 und 2018 im Rahmen eines städtebaulichen Großprojekts zur Revitalisierung dieses Stadtteils neu errichtet wurde. Das Interventionsgebiet umfasst rund 7.000 Quadratmeter und liegt direkt am Frankfurter Rathausplatz (Römerplatz). Das Gebiet bildet den Kern der Altstadt, die bis zu ihrer Zerstörung durch die Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs als eine der größten und bedeutendsten Fachwerkstädte galt.

Das Projekt umfasste die Wiederherstellung eines großen Teils der Straßenführung und Freiraumgestaltung, die sich ursprünglich auf dem Gelände befanden. Das gesamte Areal wurde durch die Erweiterungsarbeiten des Technischen Rathauses Frankfurt, eines Gebäudes, das Anfang der 1970er-Jahre im „brutalistischen Stil“ gebaut wurde, komplett verändert und hatte somit keinen Bezug mehr zum traditionellen Baustil. Dieses Projekt war damals sehr problematisch, da viele der Überreste nicht nur aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch aus der Römerzeit zerstört wurden, daher der Name Römerberg bzw. „römischer Berg“.

Insgesamt wurden 35 neue Gebäude errichtet, darunter 15 Rekonstruktionen alter historischer Häuser. Zu den in seiner Komplexität bedeutendsten Rekonstruktionen zählt das Haus der Goldenen Waage. Für alle Neubauten wurden konkrete Gestaltungsvorschriften mit klaren Richtlinien für die Gestaltung der Bauten erarbeitet, etwa die Verpflichtung zu Schrägdächern mit ausgeprägter Neigung und die Verwendung bestimmter vorgeschriebener Baustoffe, die für die Frankfurter Region typisch sind. Es sollte klargestellt werden, dass es sich bei den Rekonstruktionen um zeitgenössische Gebäude handelt, die auf der Grundlage der verfügbaren historischen Dokumentation entworfen wurden und sich in Details und genauer Lage von den Originalkonstruktionen unterscheiden. Es ist auch wichtig zu berücksichtigen, dass sich die Rekonstruktion hauptsächlich auf die Außenvolumina der Gebäude beschränkt, da das Innere als Wohnraum konzipiert ist – im Erdgeschoss befinden sich Gewerbeflächen – mit zeitgenössischem und avantgardistischem Design im Inneren der Gebäude.

Der gesamte Planungsprozess hat gerade aufgrund der Herangehensweise an Neubauten viel Zeit und vor allem viele Verhandlungen auf politischer Ebene und mit Bürgerinitiativen in Anspruch genommen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es Bewegungen für und gegen die Erhaltung, den Wiederaufbau oder die Nutzung neuer architektonischer Tendenzen beim Wiederaufbau der Stadt Frankfurt, die hinsichtlich der Gebäudezerstörung zu den nach dem Krieg am stärksten zerstörten Städten in Deutschland gehörte. Die theoretische Debatte, die mit dem Bau des Technischen Rathauses in den 70er-Jahren unterbrochen wurde, wurde mit dem Wiederaufbauprojekt wieder aufgenommen und erhielt über die politische Kontroverse des Projekts hinaus sowohl Kritik als auch Lob für den Eklektizismus und die verwendete Methodik der neuen Gebäude.

Die 35 Entwürfe für die Neubauten wurden zwischen 2010 und 2011 in verschiedenen Architekturwettbewerben mit mehr als 170 Teilnehmern ermittelt. Das Großprojekt, das nach seiner Fertigstellung voraussichtlich 220 Millionen Euro erreichen wird, wurde über mehr als sechs Jahre durchgeführt und am 9. Mai 2018 offiziell der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, obwohl zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels die Arbeiten in einigen Gebäuden noch abgeschlossen wurden.

Ich halte den Eingriff in die Frankfurter Altstadt für einen interessanten und zugleich kontroversen Fall im Hinblick auf den Umgang mit historischem Erbe. In Spanien wie auch in Italien ist eine „Rekonstruktion“ eines denkmalgeschützten Gebäudes oder, wie hier, eines kleinen Stadtteils in einem solchen Ausmaß eher in einem Vergnügungspark zu finden als in einer Stadt, ganz zu schweigen von der theoretischen Debatte darüber, inwieweit ein Neubau erfolgen sollte oder ob man überhaupt ein historisches Gebäude nachahmen bzw. imitieren sollte. Nichtsdestotrotz muss man an dieser Stelle auch anerkennen, dass durch den Prozess einige sehr interessante Gebäude entstanden sind, insbesondere solche, die nicht als originale Rekonstruktionen, sondern als zeitgenössische Neuinterpretation eines Gebäudes in der Frankfurter Altstadt gedacht waren. Andererseits handelt es sich meines Erachtens immer noch um eine ungewöhnliche neue Touristenattraktion, insbesondere für eine Stadt, die sich aus architektonischer Sicht nicht gerade durch die Fülle an historisch interessanten Gebäuden auszeichnet, sondern meist eher durch die Fülle an Wolkenkratzern. Falls sich jemand, der Frankfurt besucht, bisher zurecht gefragt hat: „Und wo ist hier die Altstadt?“ … vielleicht ist „die neue Altstadt“ die richtige Antwort.

Artikel für den Blog der Auslandskorrespondenten der Architektenkammer Katalonien (COAC) | Carlos Vidal-Wagner |  Oktober 2019.